Abstract              Inhaltsverzeichnis              Vorwort zur Erstausgabe 1985              
Zusätzliches Vorwort zur Neuausgabe 2013              
Adolf von Harnack

Adolf von Harnack

Liberaler Theologe – Wegbereiter der Moderne – Lehrer Dietrich Bonhoeffers

Winfried Döbertin
Neu herausgegeben und mit einem Nachwort versehen
von Karl Martin
1. Auflage 12/2013
250 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-944631-05-9


Preis 18,90 €
(inkl. MwSt, zzgl. Versand)

 in den Warenkorb

Bestellvorgang abschließen


Abstract

Adolf von Harnack (1851-1930), Kirchenhistoriker, Professor an der Berliner Universität, war einer der bekanntesten und einflussreichsten liberalen Theologen seiner Zeit. Er wollte christlichen Glauben und wissenschaftliche Bildung so miteinander in Übereinstimmung bringen, daß intellektuell verantworteter Glaube als Sinndeutung der menschlichen Existenz und als Motivation für gelebte Humanität möglich wird. Seine Theologie, die unter den geistes-, theologie- und sozialgeschichtlichen Bedingungen ihrer Zeit zu verstehen ist, stellt den Versuch dar, auf die beginnende Moderne nicht nur zu reagieren, sondern sie aktiv mitzugestalten. Aus seiner Theologie zog Harnack Folgerungen für sein kirchliches und gesellschaftliches Engagement, für die Gestaltung des Bildungswesens sowie für den Aufbau einer großformatigen Wissenschaftsorganisation (Harnack war Gründungspräsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, der heutigen Max-Planck-Gesellschaft).

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) studierte von 1924 bis 1930 an der Berliner Universität. Er war dort Schüler von Adolf von Harnack. Bekannt ist die Prägung Bonhoeffers durch die dialektische Theologie eines Karl Barth. Zu wenig Beachtung findet der bestimmende Einfluss, den die liberale Theologie eines Adolf von Harnack auf seinen theologischen Werdegang ausübte. Beim späten Bonhoeffer wird der Harnacksche Einfluss immer deutlicher.

Das vorliegende Buch möchte sowohl die Erinnerung an Adolf von Harnack lebendig halten als auch einen Beitrag zum Verständnis der Theologie Dietrich Bonhoeffers leisten.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort zur Erstausgabe 1985
Zusätzliches Vorwort für die Neuausgabe 2013
Die Biographie des Adolf von Harnack
„Das Wesen des Christentums“
Harnacks Theologie
Harnacks Theologie in historischer Perspektive
Die Bedeutung der Theologie Harnacks für unsere Zeit
„Wer ist ein gebildeter Mensch?“
Harnacks Anregungen zur Pädagogik
Harnacks Denken und unsere Zeit
Literaturverzeichnis

Der Autor Winfried Döbertin

Nachwort des Herausgebers:
Bonhoeffers liberales Erbe
Vorwort zur Erstausgabe 1985

Adolf von Harnack war einer der bekanntesten Theologen, Pädagogen und Wissenschaftspolitiker Deutschlands im ausgehenden neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhundert. Ziel seiner theologischen Bemühungen war, christlichen Glauben mit moderner Bildung so in Verbindung zu bringen, daß der Glaube intellektuell redlich gelebt werden könne und die Wissenschaften nicht übersähen, daß der Mensch Antwort auf die Frage nach dem Sinn seiner Existenz im ganzen sucht. Ob es richtig ist, Harnack einen der bedeutensten Theologen seiner Zeit gerade um dieses Bemühens willen zu nennen, muß unsere Studie erweisen. Wir meinen, daß es gut ist, sich seiner geschichtlich zu erinnern; einmal, weil wir dadurch unserer eigenen geschichtlichen Grundlagen bewußter werden, zum anderen, weil wir den Eindruck gewonnen haben, daß seine Überlegungen auch uns in mancherlei Hinsicht hilfreich sein können.

Harnack war nicht nur ein fachwissenschaftlich arbeitender Theologe. Er hat sich auch um die Verbreitung der von ihm gewonnenen Erkenntnisse in pädagogischer Absicht bemüht. Insofern hat unsere Studie einen bildungsgeschichtlichen Charakter. Das gilt auch hinsichtlich seiner Überlegungen zur Gestaltung des Schul- und Hochschulwesens und der von der Lehre unabhängigen freien Forschung. Bei diesen Bemühungen hat er sich immer als Theologe verstanden. Seine Theologie ist ihr Fundament. Als Organisator der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft war er ein bekannter Wissenschaftspolitiker seiner Zeit.

Harnacks theologische Auffassungen werden wir im Hinblick auf unsere bildungsgeschichtlichen Interessen vor allem aus seinen allgemeinverständlichen Publikationen interpretierend darstellen, wenn auch unter Heranziehung der fachwissenschaftlichen Schriften. Seine pädagogischen, politischen, hochschul- und wissenschaftspolitischen Arbeiten werden wir unter Bezugnahme auf deren theologische Voraussetzungen analysieren.

Methodisch wollen wir so vorgehen: Harnacks Ansichten werden zunächst zu jedem der einzelnen Fragekomplexe aus seinen Schriften dargestellt. Darauf aufbauend soll versucht werden, sie aus ihrem geschichtlichen Zusammenhang zu verstehen. Beispielsweise ist das von ihm gezeichnete Bild Jesu von Nazareth im Hinblick auf die Entwicklung der "Leben-Jesu-Forschung" der letzten zweihundert Jahre zu betrachten, oder sind die von ihm dargelegten Forderungen zur Politischen Bildung unter Berücksichtigung der Wandlungen in Deutschland von der Monarchie zur Weimarer Republik zu erörtern. Im Anschluß an die Darstellung der Auffassungen Harnacks und dem Bemühen, sie aus dem geschichtlichen Zusammenhang zu verstehen, wird der Versuch unternommen, die Frage zu beantworten, ob und inwieweit seine Ansichten für uns hilfreich sein können. In einem abschließenden kurzen Kapitel soll dieser Teil unserer Studie noch einmal zusammengefaßt werden.

Ziel unserer Arbeit war nicht nur ein archivarisches. Wir wollten nicht nur wissen, was Harnack gedacht hat und wie dieses Denken geschichtlich bedingt ist. Wir wollten vielmehr Harnack in seinem Verständnis der Aufgaben des Historikers folgen, wonach dieser den Auftrag hat, sich der Bedeutung seines Gegenstandes für seine eigene Zeit bewußt zu werden und ihn so zu bewerten. Nach welchen Kategorien dies möglich ist, muß im Zusammenhang der Studie dargelegt werden.

Daß Harnack unserer Zeit in theologischer, pädagogischer und politischer Hinsicht Anregungen zu geben hat, ist zunächst nur unsere Behauptung. Wir haben den Beweis dafür anzutreten, daß diese richtig ist.

                      Winfried Döbertin
Zusätzliches Vorwort zur Neuausgabe 2013

Das Vorwort für die Erstausgabe 1985 möchten wir für die Neuausgabe 2013 ergänzen. Die biographische und theologische Beziehung zwischen Adolf von Harnack (1851-1930) und Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), die in der Bonhoeffer-Rezeption nur unzureichend wahrgenommen wird, ist in den letzten Jahren verstärkt in unser Blickfeld getreten. Bonhoeffer wurde nicht nur durch die dialektische Theologie eines Karl Barth, sondern in ähnlicher Weise auch durch die liberale Theologie Adolf von Harnacks geprägt.

Eine ausführliche Darstellung von Bonhoeffers liberalem Erbe findet sich in dem Nachwort des Herausgebers Karl Martin, Vorsitzender des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins. Im Folgenden möchten wir – nach der Erinnerung an einige Daten aus dem Leben Dietrich Bonhoeffers – auf dessen „Gleichnis“ vom Proletarier und vom Bürger hinweisen; dieses Gleichnis, das uns lieb und wichtig ist, macht die Geistesverwandtschaft zwischen Harnack und Bonhoeffer exemplarisch anschaulich.


Erinnerung an einige Daten aus dem Leben Dietrich Bonhoeffers

1923 Beginn des Theologiestudiums in Tübingen
1924 Bonhoeffer setzt sein Theologiestudium in Berlin fort; Hörer bei Harnack
1930 Tod des Lehrers Adolf von Harnack; Trauerrede Dietrich Bonhoeffers
1931 Mitarbeit in Organen der Ökumene (Weltbund der Kirchen)
1932 Vorlesung „Das Wesen der Kirche“ an der Berliner Universität
1933 Auslandspfarrer in London; Kennenlernen des englischen Bischofs George Bell; seitdem fortlaufende Information des Bischofs über die Lage in Deutschland
1935 Leiter des Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Finkenwalde
1936 Verbot von Vorlesungen an der Universität
1937 Predigerseminar Finkenwalde aufgelöst
1938 aus Berlin ausgewiesen
1939/40 Anschluss an die politische Widerstandsbewegung im Kreis der militärischen Abwehr
1940 Redeverbot
1941 Schreibverbot
1943 Verhaftung
In den letzten Kriegstagen mit Wehrmachtsoffizieren der Abwehr im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet


Bonhoeffers „Gleichnis“ vom Proletarier und vom Bürger

Harnack gehörte zu denen, die die „Soziale Frage“ ernst nahmen und sich der Sorgen und Nöte des Proletariats annahmen. Seine „soziale Tätigkeit bestand nicht nur in der Mitarbeit im Evangelisch-Sozialen Kongreß. Viele soziale und kulturelle Aktivitäten und Organisationen unterstützte er durch seine Vorträge, die den Betroffenen teilweise beträchtliche Einnahmen verschafften. Er referierte dabei vor Menschen sehr verschiedener Bevölkerungsschichten. Besonders gern sprach er in Volkshochschulkursen oder vor Berliner Arbeitern.“

Ähnlich wie Harnack hat sich auch Bonhoeffer, obwohl selbst aus großbürgerlichen Verhältnissen stammend, dem Proletariat zugewandt. Am 15. Nov. 1931 wird er ordiniert und gleichzeitig zum Stadtsynodalvikar an der Zionskirche in Berlin-Prenzlauer Berg ernannt. Er übernimmt den von Jugendlichen aus dem Arbeitermilieu besuchten Konfirmandenunterricht. Im Herbst 1932 beginnt er mit dem Aufbau einer „Jugendstube“ für Erwerbslose in Berlin-Charlottenburg. Es handelt sich dabei um die Einrichtung „eines geheizten Tagesraumes verbunden mit nützlicher, möglichst berufsvorbereitender Beschäftigung“.

In einem Brief vom 12. Dez. 1932 schreibt Bonhoeffer: „Besonders am Herzen liegt mir gegenwärtig die Arbeit an der arbeitslosen proletarischen Jugend; aber gerade da ist alles, was man tut eigentlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein; man könnte da oft ganz mutlos werden, wenn man da so an einem kleinen Fleck die große Not, die über die ganze Welt geht, miterlebt.“ Im Winter 1931/32 erreicht die Arbeitslosigkeit in Deutschland einen Höchststand (über 6 Millionen). Die Weltwirtschaftskrise nimmt ihren Verlauf. Bonhoeffer belässt es nicht nur bei praktischer Hilfe für Jugendliche und Erwerbslose. Er setzt sich auch theoretisch mit den drängenden Fragen der Wirtschaftspolitik auseinander (vgl. z. B. Bonhoeffers Teilnahme an der am 16. Nov. 1931 stattfindenden Sitzung der „Arbeitsgemeinschaft von Theologen und Nationalökonomen“).

Der Versuch, sich dem „religionslosen Arbeiter oder Menschen überhaupt“ verständlich zu machen, begleitet Bonhoeffer auf seinem ganzen Werdegang. Bereits in seiner Dissertation setzt er sich mit dem Proletariat auseinander – um zu verstehen und gegenseitige Verstehensbrücken zu ermöglichen. Auch noch in seinen Briefen aus der Haft („Widerstand und Ergebung“) befindet er sich im inneren Gespräch mit diesem proletarischen Gegenüber. Ihn bewegt die Frage, wie wir „religionslos-weltlich“ Christen sein können. Wörtlich schreibt er im Brief vom 30. April 1944 an Eberhard Bethge: „Wir gehen einer völlig religionslosen Zeit entgegen; die Menschen können einfach, so wie sie nun einmal sind, nicht mehr religiös sein. Auch diejenigen, die sich ehrlich als ‚religiös’ bezeichnen, praktizieren das in keiner Weise; sie meinen also vermutlich mit ‚religiös’ etwas ganz anderes. […] Wenn die Religion nur ein Gewand des Christentums ist – und auch dieses Gewand hat zu verschiedenen Zeiten sehr verschieden ausgesehen - was ist dann ein religionsloses Christentum? Barth, der als einziger in dieser Richtung zu denken angefangen hat, hat diese Gedanken dann doch nicht durchgeführt und durchdacht, sondern ist zu einem Offenbarungspositivismus gekommen, der letzten Endes doch im Wesentlichen Restauration geblieben ist. Für den religionslosen Arbeiter oder Menschen überhaupt ist hier nichts Entscheidendes gewonnen.“ Offensichtlich ist der „religionslose Arbeiter“ („Proletarier“) für Bonhoeffer das unsichtbare hermeneutische Gegenüber bei der Entwicklung seiner späten theologischen Neuansätze eines „religionslosen Christentums“. Nur was der „religionslose Arbeiter“ verstehen kann, ist überhaupt verständlich.

Der „religionslose Arbeiter“ kann vieles verstehen. Er kann das ganz Wichtige verstehen – manchmal sogar besser wie der gebildete Vertreter des Bürgertums. Um diesen Sachverhalt zu verdeutlichen, erzählt Bonhoeffer in seiner Christologie-Vorlesung das „Gleichnis“ vom Proletarier und vom Bürger:

„Für die Welt des Proletariats scheint Christus mit der Kirche und der bürgerlichen Gesellschaft erledigt zu sein. Für sie besteht [scheinbar] kein Anlaß mehr, der Begegnung mit Jesus einen qualifizierten Platz einzuräumen. Die Kirche kommt auf die Verdummungsanstalt und Sanktionierung des kapitalistischen Systems hinaus. Aber gerade hier besteht für sie auch die Möglichkeit der Distanzierung Jesu von seiner Kirche; er ist nicht der Schuldige. Jesus ja, Kirche nein. Jesus kann hier zum Idealisten, zum Sozialisten werden. Was heißt es, wenn der Proletarier in seiner Welt des Mißtrauens sagt: Jesus war ein guter Mensch? Es heißt, daß man zu ihm kein Mißtrauen zu haben braucht. Der Proletarier sagt nicht: Jesus ist Gott. Aber mit dem Wort von dem guten Menschen Jesus sagt er jedenfalls mehr, als wenn der Bürger sagt: Jesus ist Gott. Gott ist für ihn [den Proletarier] etwas, was der Kirche angehört [deswegen sagt er nicht ‚Jesus ist Gott’, weil er sich selbst nicht der Kirche zugehörig fühlt]. Aber in den Fabrikräumen kann Jesus gegenwärtig sein als der Sozialist; in der politischen Arbeit als der Idealist; im proletarischen Dasein als der gute Mensch. In ihren Reihen kämpft er mir gegen den Feind, den Kapitalismus. Wer bist Du [Frage nach dem Wer, nach dem Sein, nach Wesen und Natur des Christus]? Bist Du [Christus] Bruder und Herr? Wird hier [vom Proletarier] der Frage [nach dem Wer, nach dem Sein, nach Wesen und Natur des Christus] nur ausgewichen? Oder wird sie in ihrer Weise ernsthaft gestellt?“

Zur Interpretation dieses „Gleichnisses“ muss sein Kontext in der Christologie-Vorlesung bedacht werden. Christus ist durch Aufklärung und Säkularisierung nicht aus der Welt verschwunden. „Der Unbekannte [Christus] tritt auch heute Menschen in den Weg, so daß nur noch die Frage bleibt: Wer bist Du?, wie oft sie auch abgebogen wird. Sie müssen sich mit ihr auseinandersetzen.“ Man kann sich der Frage stellen oder ihr ausweichen. Wo man sich der Frage stellt, das heißt wo man in der Konsequenz dieser Frage Christus zu Wort kommen lässt (denn nur er selbst kann diese Frage beantworten), da ist Kirche. Wo man der Frage ausweicht, ist Abwesenheit von Kirche. Im allgemeinen Urteil steht das Proletariat außerhalb der Kirche. Aber es könnte sein, dass dieses Urteil täuscht und dass Menschen aus dem Proletariat mit ihrer profanen Sprache mehr von Christus ver-standen haben als die Vertreter des Bürgertums, die die traditionelle Kirchensprache beherrschen und fehlerfrei nachsprechen können. Es wird dem Anspruch Christi nicht gerecht, wenn man ihn mit nach außen unverständlicher Kirchensprache auf den Raum von Religiosität und institutioneller Kirche beschränkt. Es entspricht der Universalität Christi, wenn Menschen ihn in ihre Welt der Fabriken, der politischen Arbeit und des proletarischen Daseins einbeziehen. Bonhoeffer betont, dass nicht nur der Proletarier, sondern auch der Theologe in der Versuchung steht, „Jesus zu begegnen oder an ihm vorbeizukommen“.

Bei den Aussagen „Jesus war ein guter Mensch“ bzw. „Jesus ist ein guter Mensch“ und „Jesus ist Gott“ muss man genau hinschauen, wann und wo sie gesagt werden und was sie meinen. Der Bonhoeffer-Schüler Otto Dudzus vertritt die Ansicht, dass die Formulierungen Bonhoeffers, die Stellung des Proletariats zu Christus betreffend, zum Ausdruck bringen wollen: „Jesus wird hier als der große Mensch, das große Vorbild, der erste Sozialist oder Kommunist angesehen“. Ähnlich haben sich die Bonhoeffer-Schüler Hartmut Gadow und Hilde Pfeiffer geäußert. Die These, von Jesus sei eine kommunistische Lebensauffassung vertreten worden, ist um die Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert weit verbreitet gewesen. Schon von Adolf von Harnack wurde sie zur Kenntnis genommen. „Karl Kautsky (1854-1938), der bedeutendste marxistische Theoretiker der deutschen Sozialdemokratie vor dem ersten Weltkriege, stimmt mit [dem Bremer Pastor] Kalthoff [1850-1906] darin überein, daß das Christentum aus einer kommunistischen Bewegung hervorgegangen sei […] Er hält an der Geschichtlichkeit Jesu fest. Dieser war nach seiner Sicht ein Bandenführer und revolutionärer Messiasprätendent, der von den Römern aufgegriffen und gekreuzigt worden sei. Nach der Zerstörung Jerusalems gab die kommunistische Bewegung ihren revolutionären Charakter auf und organisierte sich als eine große religiöse Genossenschaft. Darum wird Jesus in ihr nun als ein unpolitischer frommer Prediger und Dulder geschildert.“

Die Formulierung „Jesus ist Gott“ hat einen gänzlich anderen Hintergrund. Es ist eine Anspielung auf die dogmatischen Grundentscheidungen der frühen ökumenischen Konzilien. Die Aussagen des Chalcedonense von 451 waren für Bonhoeffer „das Ideal einer theologischen Konzilsaussage.“ Darüber hinaus nimmt Bonhoeffer mit dieser Formulierung Bezug auf Martin Luther. Bereits in seiner Christologie-Vorlesung zitiert es Luther: „Auf diesen Menschen sollst Du zeigen und sprechen, das ist Gott!“ In dem Buch „Nachfolge“ betont Bonhoeffer: „Sichtbar ist der Mensch Jesus, geglaubt wird er als der Sohn Gottes.“ Er belegt dieses Phänomen abermals mit dem Verweis auf das Luther-Zitat. Die Menschheit Jesu impliziert seine Gottheit und umgekehrt. Nicht der, der sagt „Jesus ist ein guter Mensch“, irrt, sondern derjenige, der behauptet, der Satz „Jesus ist ein guter Mensch“ sei falsch; es irrt, wer behauptet, man dürfe so etwas nicht sagen, es verbiete sich oder gehe an der Sache vorbei. Die Funktion der trinitarischen Aussagen ist es nicht, Jesus auf einen religiösen Bereich zu beschränken, sondern ihn ganz im Gegenteil als Herrn der ganzen Welt und der ganzen Wirklichkeit, auch der proletarischen, zu bekennen. Dass Bonhoeffer die Aussage „Jesus ist ein guter Mensch“ zulässt, zeigt die „jesuanische Bestimmtheit der Christologie“ bei Bonhoeffer. Sie geht zurück auf den „Jesuanismus Harnacks, d. h. seine Betonung der Menschheit Jesu“.

In dem „Gleichnis“ vom Proletarier und vom Bürger begegnen wir einer theologischen Traditionslinie, die sich von Harnack herleitet. Die Antwort des Arbeiters bedeutet in dem „Gleichnis“ wesentlich mehr als die des Bürgers. Warum ist es ein Arbeiter, der für Bonhoeffer die wesentlichere Antwort gibt? Über die rein theologischen Argumente hinaus mag für Bonhoeffer die Einstellung seines Lehrers zu der Arbeiterbewegung eine Rolle gespielt haben, mit deren Zielsetzung Adolf von Harnack einverstanden war, nämlich die Gleichberechtigung der Arbeiter in Gesellschaft und Staat zu erringen. Dabei bejahte Harnack weder den Marxismus noch den Atheismus, wie er in Teilen der Arbeiterbewegung gegeben war. Harnack persönlich hatte gern Vorträge vor Arbeitern gehalten. Hinzu kommt wohl, dass der Arbeiter ganz unbefangen aus seiner Lebenserfahrung sprach; der Bürger dagegen einen dogmatischen Begriff in der Formulierung verwandte, den damals kaum noch jemand verstand. Aber diese Formulierung zeigte seine Angepasstheit an die traditionelle Sprache der Kirche.

Wenn man Sympathien für die Antwort des Arbeiters hat, so mag man fragen: Ist die Lehre des guten Menschen Jesus eine gute? Diese Lehre Jesu beinhaltet: Gott ist ein liebender Vater für alle Menschen, in einer religiösen Bildersprache gesprochen. Der liebende Vater wünscht, dass die Menschen empfangene Liebe an andere Menschen weitergeben in Nächstenliebe und sogar Feindesliebe, wenn diese ihnen möglich ist. Solche Lehre entspricht der Menschenfreundlichkeit und Humanität für alle Menschen. Nicht nur bei Harnack, sondern auch bei Bonhoeffer findet sich die Überzeugung, dass Menschenfreundlichkeit und Humanität auf der einen Seite und christlicher Glaube auf der anderen Seite kein Gegensatz sind. Eines gehört zum anderen.

Wer ist ein moderner Mensch?
Ein solcher ist jemand, der in einem von ihm selbst gewählten Gegenstandsbereich über die Kenntnisse seiner Zeit verfügt und danach handeln kann. Es kommt zu einer Fortdauer solcher Modernität, wenn diese Erkenntnisse an eine nachfolgende Generation weitergegeben und von dieser angeeignet werden. Harnack und Bonhoeffer haben bewusst Geschichte wahrgenommen und aus geschichtlichen Traditionen gelernt, um sich Modernität zu erarbeiten. Mittlerweile gehören sie selbst zu den unverzichtbaren Gegenständen geschichtlicher Auseinandersetzung. Beide Theologen waren Wegbereiter der Moderne. Dieses vor Augen zu führen, ist das Anliegen der Neuausgabe des vorliegenden Buches.

Hamburg / Berlin, im November 2013 Winfried Döbertin und Karl Martin


Literaturhinweis

Es sei auf folgende aktuelle Ausgabe von Harnacks „Das Wesen des Christentums“ hingewiesen:

Adolf von Harnack, Das Wesen des Christentums
Sechzehn Vorlesungen vor Studierenden aller Fakultäten im Wintersemester 1899/1900 an der Universität Berlin gehalten von Adolf v. Harnack
Herausgegeben von Claus-Dieter Osthövener
Seiten/Umfang : VIII, 327 S.
Verlag : Mohr Siebeck
Erscheinungsdatum : 3., erneut durchges. A. 04.2012
Preisinfo : 29,00 Eur[D] / Preisangabe inkl. MwSt
ISBN : 978-3-16-151728-0

Adolf von Harnacks Vorlesung über das Wesen des Christentums wurde im Wintersemester 1899/1900 für Hörer aller Fakultäten in Berlin vorgetragen. Die hier vorgelegte Edition bietet den Text der letzten von Harnack betreuten Ausgabe dieser erfolgreichen Schrift aus dem Jahre 1929. Hinzu kommt ein Anhang mit wichtigen, bislang wenig beachteten Texten aus dem Umfeld der Vorlesungen sowie mit einigen Materialien aus dem Nachlass Harnacks, die hier erstmals veröffentlicht werden. Die Anmerkungen des Herausgebers schlüsseln Anspielungen und Zitate auf und liefern Querverweise auf das übrige Werk."Harnacks Buch ist das schlechthin exemplarische Dokument der liberalen Theologie im wilhelminischen Zeitalter [und] nach wie vor von Interesse […]." Matthias Wolfes in Jahrbuch zur Liberalismusforschung 20 (2008) S. 350f.