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Rezension von Theodor St. Friedrich              Rezension von Jürgen und Ute Conrad              
Kirchenrecht Sonderrecht Unrecht

Kirchenrecht Sonderrecht Unrecht

Zusammenstellung der Texte:
Rainer Mischke

1. Auflage 10/2010
140 Seiten, kartoniert

ISBN 978-3-9813498-2-5


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Abstract

Herausgegeben vom gemeinnützigen Verein „D.A.V.I.D. gegen Mobbing in der evangelischen Kirche e.V.“

Die evangelischen Landeskirchen berufen sich zwar auf die Rechtsautonomie, welche ihnen das Grundgesetz gewährt. Aber zwischen der modernen, am Grundgesetz der BRD orien­tierten Rechtsprechung des Staates und der Handhabung der Rechtssprechung kirchenintern liegen Welten. Damit verletzen die Kirchen nicht nur das heutige Rechtsempfinden, sondern auch ihre eigene biblische Grundlage: die Botschaft des Evangeliums.

Schon seit mehr als zehn Jahren machen die Mitglieder von „D.A.V.I.D. gegen Mobbing in der evangelischen Kirche e.V.“ auf das Unrecht aufmerksam, das Pfarrerinnen und Pfarrern durch die Anwendung des „Ungedeihlichkeitsparagraphen“ bei Konflikten in den Gemeinden angetan wird. Auch die Gemeinden selbst werden durch solche Konflikte nachhaltig geschädigt.

Das Buch schildert den neuesten Unrechtsfall. Die Theologie-Professorin Dr. Gisela Kittel ist zutiefst aufgewühlt von der Willkür, mit der ein Gemeindepfarrer aus seinem Dienst entfernt werden soll. Die EKD reagiert nur mit Scheinkosmetik. In dem neuen Pfarrdienstgesetz vermeidet sie zwar den Begriff „Ungedeihlichkeit“; das dahinter stehende Denken wird aber unbeirrt fortgeschrieben.

In dem Buch wird die aktuelle Diskussion dargestellt. Das bisher geltende Pfarrdienstgesetz und die geplante Neufassung werden in Textauszügen abgedruckt und miteinander ver­glichen. Kommentare und Analysen konkretisieren die Kritik am Pfarrdienstgesetz. Anschließ­end wird vorgestellt, wie ein professionelles Konfl iktmanagement für die Kirchen aussehen könnte.

Der gemeinnützige Verein „D.A.V.I.D. gegen Mobbing in der evangelischen Kirche e.V.“ deckt Unrechtsfälle in den evangelischen Landesskirchen auf. Er berät Mobbing-Opfer und doku­mentiert ihr Schicksal. Er sucht dringend Unterstützung für seine Forderung, dass Rechts­schutz und rechtsstaatliche Prinzipien auch in der Kirche zur Anwendung kommen.

Inhaltsverzeichnis

Der neueste deutschlandweit bekannte Fall von kirchlichem Unrecht
Dr. Gisela Kittel: Der Ungedeihlichkeitsparagraph in kirchenamtlicher Anwendung
Dr. Gisela Kittel und Maike Stahl: Verleumdung Tür und Tor geöffnet

Das Grundgesetz erlaubt den Kirchen ein Sonderrecht
Art. 140 Grundgesetz in Verbindung mit Art. 137 WRV

Zu diesem Sonderrecht gehört das bisher angewandte Ungedeihlichkeitsgesetz
Pfarrergesetz der VELKD vom 17. Okt. 1995 / Pfarrdienstgesetz der EKU vom 15. Juni 1996

Das Sonderrecht „Ungedeihlichkeitsgesetz“ ist Unrecht
Dr. jur. Hanns Lang: Dreifache Schelte der Ungedeihlichkeits-Gesetze der Ev. Kirchen und des Ungedeihlichkeits-Verfahrens und der Folgen solcher Verfahren / Sieghart Schneider: Verteidigung und Anklage in einer Hand

Die evangelischen Kirchen formulieren jetzt das Pfarrdienstgesetz neu
Der Entwurf „Pfarrdienstgesetz der EKD“ vom 16. August 2010 / Begründung zum Entwurf des „Pfarrdienstgesetzes der EKD“ vom 17. August 2010 / Rainer Mischke: Quo vadis, Pfarrdienstgesetz?

Die Neuformulierung des Pfarrdienstgesetzes kleidet das alte Unrecht in ein neues Gewand
Rainer Mischke: Auflistung einiger Verstöße des Entwurfs „Pfarrdienstgesetz.EKD“ gegen das Wesen der Kirche bzw. gegen die Grundsätze der Rechtsstaatlichkeit / Friedhelm Maurer: Ein neues Etikett für einen alten Schwindel / Dr. jur. Werner Hofmann: EKD-Gesetz disponibel! / Dr. Karla Sichelschmidt: Notvolle Situationen / Rainer Mischke: Obrigkeit liebt Unklarheit / Gotthold Gocht † : Angeordnetes Mobbing / Rainer Mischke: Brief an die EKD-Synodalen der ELKB

Zwei interessante Ansätze, das System „Kirche“ zu verstehen
Angela Bachmair: Das Herz der Finsternis / Dr. Annegret Böhmer: Arbeitsplatz evangelische Kirche

Kirchenrecht in Einklang mit Rechtsstaatlichkeit und Evangelium
Christian Johnsen, Dr. jur. Hanns Lang, Dr. phil. Karl Martin, Pfarrer i.R. Rainer Mischke: Konflikte in der Kirchengemeinde rechtsstaatlich regeln / Empfehlungen für die (landes-)kirchlichen Gesetzgeber

Vorwort

Die Grundordnung der Evangelischen Kirche Deutschlands beginnt mit der folgenden Präambel: „Die Evangelische Kirche in Deutschland ist die Gemeinschaft ihrer lutherischen, reformierten und unierten Gliedkirchen. Sie versteht sich als Teil der einen Kirche Jesu Christi. Sie achtet die Bekenntnisgrundlage der Gliedkirchen und Gemeinden und setzt voraus, dass sie ihr Bekenntnis in Lehre, Leben und Ordnung der Kirche wirksam werden lassen.“

Ohne Zweifel ist von den Müttern und Vätern dieser Grundordnung beabsichtigt, dass dieser Artikel für evangelische Kirchen und evangelische Christen/innen als handlungsleitend gelten soll. Das kann jedoch nur über einen lebendigen Austausch der Mitglieder untereinander, über das Hinterfragen Jahrzehnte alter Traditionen, Privilegien und eingeschliffener Gewohnheiten geschehen. Denkverbote und Tabus fördern nur scheinbar den Zusammenhalt, sie führen in die Erstarrung und begünstigen den Typus des Besserwissers, der dazu neigt, für ihn unverrückbare Denkmuster zum Maßstab aller Dinge zu machen.

Schon seit mehr als zehn Jahren machen die Mitglieder von „D.A.V.I.D. gegen Mobbing in der evangelischen Kirche e.V.“ neben anderen Gruppierungen auf das Unrecht aufmerksam, das Pfarrerinnen und Pfarrern durch die Anwendung des „Ungedeihlichkeits-Paragraphen“ bei Konfl ikten in den Gemeinden angetan wird. Dieser altertümlich anmutende Paragraph ist daneben auch zu Recht wegen seiner Verwendung gegen die Pfarrer der Bekennenden Kirche im Dritten Reich ins Zwielicht geraten.

Derzeit wird das Pfarrerdienstgesetz von EKD-Gremien neu überarbeitet und von den einzelnen Landeskirchen übernommen. Doch bringen die neuen Formulierungen auch einen substantiellen Fortschritt, wie manche hoff en? Oder ist es wieder nur der Versuch, Konflikte in Gemeinden zu negieren und damit verbundene Probleme durch die lautlose Ausschaltung derjenigen, die zu Störenfrieden gemacht werden, so schnell wie möglich aus der Welt zu schaffen?

Wenn ein Konflikt über das oben genannte „Ungedeihlichkeitsverfahren“ beendet werden soll, geschieht das häufig, indem eine Pfarrperson ohne eigenes Verschulden über den Weg des Wartestandes vorzeitig in den Ruhestand versetzt wird, verbunden mit großen sozialen wie finanziellen Nachteilen. Sozialer Nachteil bedeutet, dass dem Betroffenen in der Realität in seinem berufl ichen Umfeld Versagen unterstellt wird, auch wenn das offiziell verneint wird. Finanzieller Nachteil bedeutet reduzierte Bezüge und oft ein sehr frühes Ende der beruflichen Laufbahn, ohne dass eine Alternative für andere Berufe gegeben ist. Im neuen Pfarrdienst­gesetz wird der Begriff „Ungedeihlichkeit“ zwar vermieden, doch die neue Formulierung „nachhaltige Störung in der Wahrnehmung des Dienstes“ mit den Rechtsfolgen sofortiger Versetzung und Schweigepflicht scheint die Entmündigung der Betroff enen nur noch zu beschleunigen und ihren Objektstatus zu verstärken.

Der Stand der aktuellen Diskussion ist nur wenigen Insidern bekannt. Wir von „D.A.V.I.D. gegen Mobbing in der evangelischen Kirche e.V.“ möchten mit dieser Textsammlung dazu beitragen, dass die Thematik und ihr Umfang einem breiteren Publikum zugänglich werden. Um den Blick auf das Kirchenrecht zu schärfen und die Umsetzung rechtsstaatlicher Prinzipien auch dort erfolgreich einzufordern, müssen sich mehr Staatsbürger/innen als bisher mit dem rechtlichen Sonderstatus der Kirchen auseinandersetzen. Zudem ist das Wegschauen den evangelischen Christen/innen nicht ins Belieben gestellt. Die Präambel der Grundordnung der EKD verpflichten sie, ihre Mitgliedschaft ernst zu nehmen und aus dieser Verpflichtung heraus zu handeln.

Ingrid Ullmann
(1. Vorsitzende von „D.A.V.I.D. gegen Mobbing in der evangelischen Kirche e.V.“)

Rezension von Theodor St. Friedrich

Dieses Buch enthält eine Fülle an Stoff zu dramatischer Gestaltung für Dramatiker, Drama­turgen, Drehbuch- und Roman-Autoren, besonders aber für Kriminal-Schriftsteller, die heute in ihrer Vielzahl vor der Erkenntnis stehen, dass der auf dem täglichen Polizei-Report fußende Krimi langsam seinen Liebhabern nicht mehr zugemutet werden kann trotz aller intellektuellen Verfremdungen und Spitzfindigkeiten. In der Kirche dagegen treff en Urkräfte menschlicher Natur aufeinander: Macht, die herrschen will, und Freiheit, die verkünden will und soll. Hinzu kommen als neues Phänomen kirchliche Personalreferenten, die endlich ihren Einfluß spüren und das „me too“-Erlebnis von „hire and fire“ genießen wollen, obwohl Martin Luther die Geistlichen in der Evangelischen Kirche in Deutschland als allein zur freien Verkündigung der christlichen Botschaft berufen und nicht als irgendwelchen Obrigkeiten unterworfen ansah.

Jeder vierte Deutsche steht nach der Statistik immerhin offiziell im Spannungsfeld seiner Gemeinde und einer Landeskirche und mehrere Fernseh-Serien in kirchlichem Milieu haben erwiesen, wie hoch der Aufmerksamkeitswert für Fragen in diesem Bereich bereits ist. Doch erschließen lässt sich der dramatische Schatz nur von dem, der bereit ist, in die trockenen, vieldeutigen Paragraphen evangelischen Kirchenrechts einzutauchen wie in ein Kreuzwort­rätsel. Er wird vielfach belohnt und findet dort heldenhafte Domprediger, scharfzüngige Juristinnen mit dem Ehrgeiz der Dienstboten, der Herrschaft in Treue fest zu dienen, arglistige Personaldezernenten, kaltblütige Täter, gutgläubige Opfer, Entrechtete, die sich zusammentun wie weiland Robin Hood und seine Gesellen (der „Melsunger Kreis“). Letztlich geht es um die Anmaßung der Kirchen, ihren Dienst versehende Pfarrer oder Pfarrerinnen nach Gutdünken „wegen Ungedeihlichkeit“ oder nach neuerer Version wegen „nachhaltiger Störung“ einfach versetzen oder außer Dienst stellen zu können mit allen negativen Folgen für die Betroffenen. Und ohne ein einschlägiges Verfahren und Prüfung der Schuldfrage. Das ist Unrecht in altherrschaftlicher Eigenmächtigkeit und passt nicht mehr ins 20. Jahrhundert.

Dieses Buch enthält Stimmen der Vernunft, der Empörung, der Verzweiflung, der Rechtha­berei und Stimmen der Weitsichtigen mit dem Plädoyer, dem unwürdigen, grausamen Spiel um Macht und Gerechtigkeit ein Ende zu machen und die seit Sommer 1945 ausstehende Demokratisierung der Evangelischen Kirchen in Deutschland endlich nachzuholen mit
  • Geistlichen, die, in ihren Gemeinden einzig dem Wort Gottes verpflichtet, vor Mobbing und vor Drangsal ihrer selbsternannten Dienstherren geschützt, ihren vielfältigen Aufgaben in persönlicher Freiheit und Abstimmung mit dem Gemeinderat nachkommen;
  • Synodalen, die, frei und öff entlich, ohne Einfl ussnahme der Kirchen gewählt, in den Synoden ihr Kontrollrecht über die Kirchen ausüben, durchsetzen und die Anliegen ihrer Gemeinden vertreten;
  • Landeskirchen, die sich endlich als berufene Organe der Gemeinden verstehen und dieser Erwartung genügen.
Dieses Buch will den einzelnen Gemeindemitgliedern aufzeigen, wo ihre Hilfe und ihr beson­deres und besonnenes Engagement am dringendsten gebraucht werden. Seine Autoren kämpfen mit leiser, sachlich/fachlich kompetenter Stimme für mehr Gerechtigkeit in unserer Kirche. Ihr Gehör zu verschaffen, heißt im Sinne Martin Luthers, mit an der Kirche Jesu Christi zu bauen, in der Ämterpatronage, Amts- und Machtmissbrauch sowie Misswirtschaft und Korruption keinen Platz finden dürfen. Der Rezensent erlebte staunenden Auges selbst die Notwendigkeit dazu.

Starnberg, den 12.12. 2010
Theodor St. Friedrich
Almeidaweg 33, 82319Starnberg
Tel: 08151 – 746649, Fax: 08151 - 78761

Rezension von Jürgen und Ute Conrad

Nun sind sie wieder verklungen, die schönen Worte von der Kanzel. Sie handeln von Frieden, Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Haben sie nicht nur die Ohren, sondern auch die Herzen der Gläubigen erreicht, oder soll man sagen der WOP’s, jener sporadischen Kirchgänger, die sich zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten in der Kirche versammeln? Man muss nicht in der zweitausendjährigen Geschichte der Christenheit herumstochern um zu erkennen, dass es weder mit der Einheit aller Christenmenschen noch mit christlicher Bruder- und Schwester­liebe weit her ist, selbstverständlich mit vielen Ausnahmen auf der Ebene des Individuums, mit teils heroischem und selbstlosem Einsatz für den Mitmenschen.

Wir reden hier nicht von den Missbrauchsskandalen der jüngsten Zeit, auch nicht von Zuständen in manchen diakonischen Einrichtungen während der Naziherrschaft und den ersten Nachkriegsjahrzehnten. Auch nicht von kirchlichen Würdenträgern beider christlicher Konfessionen und ihrer bedenklichen Nähe zu den Nazis. Es genügt ein Blick hinter die Kulissen evangelisch-kirchlicher Wirklichkeit von heute. Und der ist erschreckend genug.

Was Kirchgänger normalerweise nicht mitbekommen: auf der Ebene der Pfarrer, Kirchenvor­stände und Landeskirche ist Mobbing allgegenwärtig. Und es geht oft schlimmer zu als beispielsweise in einem durch und durch unchristlichen Sportverein. In erster Linie sind es Pfarrer, die zu Opfern wenig christlicher Machtspiele von Kirchenvorständen einerseits und Landes- bzw. Regionalbischöfen und -bischöfinnen andererseits werden. Für diese obersten Repräsentanten der „Amtskirche“ sind die gewählten Kirchenvorstände oft die einzige direkte Informationsquelle, gewissermaßen ihr Ohr in die Gemeinde. Diese kommt zum Beispiel im drei Pfund (sic!) schweren bayerischen Kirchenrecht als juristische Person nicht vor, oder wie sagte die Regionalbischöfi n zum Starnberger Initiativ-Kreis: „Mit Ihnen muss ich ja gar nicht reden“. Sie ließ sich dann doch zu Gesprächen herab.

Es genügen zwei, drei Mitglieder eines Kirchenvorstands mit eigenen machtpolitischen Ambi­tionen, um einen ganzen Kirchenvorstand und Teile der Gemeinde aufzuhetzen und gegen einen vermeintlich „ungedeihlichen“ Pfarrer in Stellung zu bringen. Da wird mit üblen Unterstellungen, Verleumdungen und persönlichen Verunglimpfungen gearbeitet. Die Anschuldigungen reichen von angeblichen moralischen Verfehlungen, über angeblich falsche Abrechnungen von Kirchengeldern, angeblicher Vernachlässigung von Amtspflichten usw. Wenn der Pfarrer und seine Familie schließlich am Rand des psychischen Zusammenbruchs stehen und er seine seelsorgerischen Pflichten wenn überhaupt nur noch mühsam erfüllen kann, dann wird ihm auch dies zum Vorwurf gemacht.

Nicht selten gipfeln solche Treibjagden in einem „Ungedeihlichkeitsverfahren“, das die Landeskirche schließlich gegen den inkriminierten Pfarrer anstrengt. Diese „Ungedeihlichkeit“ ist eine Wortschöpfung der Nazis, und sie diente dazu, missliebige Pfarrer loszuwerden – und sie ist immer noch Teil des Kirchenrechts. Im neuen Pfarrdienstgesetz werde der Begriff zwar vermieden, doch die neue Formulierung „nachhaltige Störung in der Wahrnehmung des Dienstes“ mit den Rechtsfolgen sofortiger Versetzung und Schweigepflicht scheine die Entmündigung der Betroffenen nur noch zu beschleunigen ... , schreibt Ingrid Ullmann, die
1. Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins „D.A.V.I.D. gegen Mobbing in der evangelischen Kirche e.V.“, Herausgeber der Textsammlung.

Dabei wird der Pfarrer gegen seinen Willen einfach versetzt. Die Gemeinde wird nicht gefragt und fällt aus allen Wolken, wenn ihr geliebter Pfarrer plötzlich verschwunden ist. Denn darüber reden darf er in der Regel nicht.

Häufig wird der betroffene Pfarrer ohne eigenes Verschulden über den „Wartestand“ in den vorgezogenen Ruhestand versetzt, was in der Regel große finanzielle Nachteile für ihn und seine Familie nach sich zieht, vom Verlust seiner mühsam aufgebauten sozialen Kontakte gar nicht zu reden. Und das ist es auch, was einen Pfarrer von einem „normalen“ Beamten unter­scheidet. Wenn ein Beamter versetzt wird, dann leiden seine Frau, seine Kinder. Sie verlieren ihre Freunde und ihr soziales Umfeld. Bei einem Pfarrer sind viele hundert Menschen betroffen, denen man einen vertrauenswürdigen Ansprechpartner, Freund und seelsorgerischen Begleiter nimmt.

Die Theologie-Professorin Dr. Gisela Kittel, lange aktives Mitglied der Lippischen Landeskirche und eine scharfe Kritikerin des Ungedeihlichkeitsparagraphen, weist auf andere Gefahren hin, die von ihm ausgehen. Eigentlich seien Pfarrer nach ihrem Ordinationsgelübde nur der Bibel und dem christlichen Bekenntnis verpflichtet. Sie sollen ohne Scheu predigen und auch mal die Finger in die Wunde legen und Missstände aufzeigen. „Aber wer tut das noch, wenn er befürchten muss, abberufen zu werden, wenn er den falschen Leuten auf die Füße tritt?
Die Gefahr, dass Pfarrer dann lieber der Mehrheit nach dem Mund reden ist groß“. Daher verwundere es sie auch nicht, wenn ein angegriffener Pfarrer kaum Solidarität von seinen Kollegen erfährt. Schließlich könne ein solches Verfahren jeden von ihnen treffen, sagte die Theologin in einem Interview der „Schlänger Zeitung“, das Eingang in die Textsammlung gefunden hat.

Duckmäusertum und Opportunismus sind zwar in der Gesellschaft weit verbreitet. Die Angst vor Jobverlust ist allgegenwärtig. Ein Pfarrer – sollte man meinen - unterliegt einer höheren Ethik und könnte sich so gesehen viel freier bewegen in dem was er sagt und tut. Doch die Anpassung an den Mainstream aus Angst verhindert die Auseinandersetzung mit neuen Gedanken, etwa die des Bio-Physikers Dr. Dieter Broers, einer von weltweit 700 heraus­ragenden Wissenschaftlern, darunter rund 100 Nobelpreisträger, die für das „International Council for Scientific Developement“ arbeiten.

„Vergegenwärtigen wir uns unserer Unsterblichkeit, unserer Göttlichkeit. Erkennen wir, dass wir nicht unsere Körper sind, sondern wir bedienen uns dieser in voller Dankbarkeit. Das, was wir im tiefsten Innern wirklich sind, liegt noch außerhalb unserer Vorstellungskraft. So erfühle ich meine Göttlichkeit in mir, in tiefster Demut ... und Liebe ... zum harmonischen Verlauf des unendlichen Kosmos ... , dessen aktiver Teil ich bin“.

Broers, auf der beharrlichen Suche nach Antworten und enttäuscht von „erstarrten Glau­bensbekenntnissen“, bedient sich nach eigenen Worten der Naturwissenschaft, vor allem
der Quantenphysik, um seine „spirituellen Ahnungen“ zu befriedigen. Welch eine Aufgabe für einen mutigen Pfarrer, Bibelstellen zeitgemäß zu interpretieren etwa die in den Sprichwörtern des Alten Testaments 4,23: „Mehr als alles andere achte auf deine Gedanken, denn sie entscheiden über dein Leben“. Oder (Jesus zu den Jüngern): „Was ich zu euch gesprochen habe, das stammt nicht von mir. Der Vater, der immer in mir ist, vollbringt durch mich seine Taten ...“ (Joh. 14.10). Und weiter: „Wer im Glauben mit mir verbunden bleibt, wird die gleichen Taten vollbringen, die ich tue. Ja er wird noch größere Taten vollbringen ...“
(Joh. 14.12).

Nur selten ist es einer Gemeinde, wie jüngst in Starnberg, bei einem schweren Konflikt zwischen Pfarrer und Kirchenvorstand gelungen, mit großem Engagement eines sog. „Initiativ-Kreises“ unter Einschaltung der Medien die Landeskirche zum Handeln zu zwingen. Letztere leitete schließlich eine Mediation ein. Im Fall Starnberg endete sie mit der Aufspaltung der Gemeinde in zwei unabhängige Sprengel, der Abwahl des alten Kirchenvorstands und dem Verbleib des Pfarrers. Der Wahrheitsfindung allerdings dient ein derartiges Verfahren nicht, nach Schuld oder Unschuld fragen die Mediatoren nicht. Der Kirchenleitung kommt es nur darauf an, die Ruhe in der Gemeinde wieder herzustellen und die Kirche möglichst schnell aus negativen Schlagzeilen zu bringen.

Ermutigt vom Starnberger Erfolg, bildeten sich vielerorts in Deutschland ähnliche „Initiativ-Kreise“ mit dem Ziel, das Unrecht anzuprangern, das Kirchenrecht zu entrümpeln und die Kirche zur Anerkennung des Grundgesetzes als alleiniger Rechtsgrundlage zu bewegen. An den Prinzipien „der Gleichrangigkeit und der Gleichartigkeit“ in unserer Gesellschaft dürfe nicht gerüttelt werden, sagt Dr. jur. Hanns Lang, einer der Wortführer des Starnberger Initiativ-Kreises und Mitautor der Textsammlung. Zwar wird den Kirchen in Artikel 140 Grundgesetz zugestanden, ihre internen Angelegenheiten selbständig durch Gesetze zu regeln. Die Unge­deihlichkeits-Gesetze aber entsprechen nach den Worten Langs und weiterer Autoren in ihrer Anwendung und Auslegung nicht den Grundsätzen der Rechtsstaatlichkeit. Die Kritiker der Ungedeihlichkeits-Gesetze empfehlen, dass die Grundordnung der EKD durch eine Rechts­staatlichkeits-Generalklausel ergänzt und erweitert wird, so wie sie bereits in die Grundord­nung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz 2003 aufge­nommen wurde. Darin heißt es: „Kirchliches Recht und kirchliche Verwaltung sind unter Beachtung rechtsstaatlicher Grundsätze dem kirchlichen Auftrag verpflichtet“.

Hanns Lang liegt dies besonders am Herzen, und er bringt ein weiteres Argument in die Debatte: Nur wenn die christlichen Kirchen das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit in ihren Grundordnungen festschreiben, können sie bzw. kann der Staat gleiches Recht bei anderen Religionen einfordern. Nur so kann man jenen Muslimen, die sich nicht an das Grundgesetz halten oder sogar die Scharia in Deutschland und den anderen westlichen Staaten einführen wollen, glaubhaft entgegentreten.

Defizite in der Rechtsstaatlichkeit sind das eine. Aber da muss noch mehr sein, was Menschen aus der Kirche und Pfarrer in die Verzweiflung treibt. Wie sonst käme ein Pfarrer aus Karls­ruhe dazu auf die Frage der Süddeutschen Zeitung „Wozu noch Kirche?“ zu antworten: „Viel wichtiger als die Kirche ist die Botschaft von Jesus, die ja eine Frohbotschaft ist. Aber gerade deshalb braucht es auch Kirche, damit diese Botschaft nicht verloren geht. Aber dazu braucht es Menschen, die Visionen haben und dafür kämpfen, die sich nicht als Manager verstehen, die sich nicht mit dem Reformstau in der Kirche abgefunden haben .... Ich träume von einer Kirche, die befreit ist von Selbstsüchtigkeit und Stolz, befreit von devotem Duckmäusertum ... , befreit von blindem Festhalten an der Tradition. Ich träume von einer Kirche ... , die befreit von Herzenshärte und Herzenskälte, befreit zur Liebe und zum Mut. Ich träume von einer Geist-erfüllten Kirche, in der der Geist Gottes sich frei entfalten kann und nicht abge­würgt wird .... Ich träume von einer Kirche, in der man an Jesus Maß nimmt und nicht am rigiden Kirchenrecht .... Diesen Traum werde ich nie aufgeben“.

Wie muss es um eine Kirche bestellt sein, die solche Sehnsüchte unerfüllt lässt?
Ist das vielleicht auch die Aufforderung zu einer neuen Reformation?

Starnberg, 6. Januar 2011

Jürgen und Ute Conrad (juconrad@t-online.de)

Beide waren politische Redakteure in verschiedenen Programmabteilungen der Deutschen Welle. Jürgen Conrad darüber hinaus auch Pressereferent der Oberammergauer Passions­spiele 1970 und Redakteur der amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press. Obwohl evangelisch sozialisiert, empfinden sich beide als „Gott-nah, aber Kirchenallergisch“. Jürgen Conrad schreibt heute im Internet über europapolitische Themen und ist Mitglied im Vorstand der „Vereinigung Europäischer Journalisten“.