Abstract              Inhaltsverzeichnis              Vorwort              
Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen?

Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen?

Von Walther Winkelmann

1. Auflage 08/2010
146 Seiten, kartoniert

ISBN 978-3-9813498-1-8


Preis 10,80 €
(inkl. MwSt, zzgl. Versand)

 in den Warenkorb

Bestellvorgang abschließen


Abstract

Welche Gründe gibt es eigentlich, Kinder schon mit 10 oder 12 Jahren nach Eignung zu sortieren - nach Gymnasium, Realschule und Hauptschule, obwohl das endgültige Urteil, für welchen Abschluss ein Jugendlicher geeignet ist, erst mit 15 oder 16 Jahren nach Klasse 10 ansteht?

Die Nachteile der frühzeitigen Vorsortierung sind offensichtlich. Es ist bekannt und durch die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) bestätigt, dass die Schülerleistungen vom Elternhaus und vom gesamten sozialen Umfeld der Kinder und Jugendlichen stark abhängig sind.

Statt durch die Zuweisung der Kinder nach dem 4. oder 6. Schuljahr in die drei Schulformen Gymnasium – Realschule – Hauptschule diese Unterschiede noch weiter zu verfestigen und einzuzementieren, stellt sich eher die gesellschaftliche, politische und pädagogische Aufgabe, auf die unterschiedlichen Biografien und Erfahrungen, die individuellen Besonderheiten und Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen in einer integrativen Schule vielfältige individuelle Antworten zu finden. Eine Schule zu installieren, in der jedes Kind, jeder Jugendliche – leistungsstark, bildungsinteressiert oder leistungsschwach aus bildungsuninteressiertem Elternhaus - bestmöglich gefördert wird, das wäre des „Schweißes der Edlen“ wert.

Der Autor: Walther Winkelmann war Lehrer und Schulleiter an einer Hauptschule in Castrop-Rauxel und einer Grundschule in Recklinghausen und ist seit 1995 pensioniert. Er möchte mit seinem Buch die angestrebten Schulreformen in NRW unterstützen.

Inhaltsverzeichnis

  1. Die Schulen von heute – eine Mängelliste
    1. Zu wenig Lehrer, zu große Lerngruppen;
    2. Die versäumte Ganztagsschule;
    3. Pädagogische Ruinen;
    4. Respekt vor den Schülern;
    5. Die Bildungsverlierer an der Schule von heute; 6. Selektiv oder integrativ ?

  2. Die Alternative - die Gemeinschaftsschule
    1. die andere, schülergerechte Schule
    2. nicht zum Nulltarif zu haben

  3. Welche Schule wollen wir?
    Eine kritische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Vorstellungen von Schule

    1. „Bessere Noten“
      Kritische Auseinandersetzung mit einem Artikel aus einem Focus-Sonderheft zum Thema „Schule“
    2. „Garantiert aufs Gymnasium - Tipps und Tests für den sicheren Schulwechsel Ihres Kindes“
      Kritische Auseinandersetzung mit einer Streitschrift von Raimund Pousset
    3. „Klassenbewusstsein“ - Das Land braucht nicht viele Abiturienten, sondern bessere......
      Kritische Auseinandersetzung mit einem Artikel von Johan Schloemann aus der Süddeutschen Zeitung
      Zwei Gegenentwürfe:
    4. „Treibhäuser der Zukunft - Wie in Deutschland Schulen gelingen“
      Schulen, die das individuelle Lernen in den Mittelpunkt stellen - Eine Dokumentation von Reinhard Kahl
    5. „Leistung wahrnehmen, Leistung bewerten“ - Aus der Rede Annemarie von der Groebens zur Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Fakultät für Pädagogik der Universität Bielefeld am 21.10.1998

  4. Mutig in der Zielbeschreibung, ängstlich, wenn es konkret wird
    „Die beste Bildung für alle - Die Gemeinschaftsschule“
    Beschluss des a.o. Landesparteitages der NRWSPD am 25. 8. 2007 in Bochum: Eine kritische Wertung

  5. Ein Neuanfang? Ja! Ja? Na ja
    Die Koalitionsvereinbarung der rot-grünen Minderheitsregierung in NRW zu Schule und Bildung

  6. Anhang
    Wer war eigentlich Jürgen Girgensohn?
    Auszüge aus: Sparen! Sparen! Sparen? Von Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung
    Gaußsche Normalverteilung, Funktionsdarstellung
    Koalitionsvertrag zwischen der NRWSPD und Bündnis 90/Die Grünen NRW

  7. Verzeichnisse (Abkürzungen, Medien und Literatur, Anmerkungen)

Vorwort

Warum ist eine Schule schlecht? - Sicher nicht, weil sie ein Gymnasium ist. Warum ist eine Schule gut? - Sicher nicht, weil sie eine Gesamt- oder Gemeinschaftsschule ist.

Der Film „Treibhäuser der Zukunft“ zeigt, „wie in Deutschland Schulen gelingen“, und er stellt Schulen aus allen Schulformen vor, in denen Unterricht besonders gut gelingt, übrigens auf sehr vielfältige Weise: Grundschulen, Hauptschulen, Realschulen, Gymnasien und Gesamtschulen. Wer über bessere Schulen nachdenkt, der wird nicht nur über eine andere Schulstruktur nachdenken müssen, sondern viel mehr darüber, welche Lernbedingungen die Schule für ihre Schüler schafft, wie sie verhindert, dass Schüler scheitern, was sie tut, damit sie möglichst erfolgreich lernen und schwache Schüler nicht einfach nur an andere, weniger qualifizierende Schulen weitergegeben werden. Welche Inhalte und Rahmenbedingungen machen eine gute Schule aus?

Haben also die recht, die sagen: Lasst doch den ideologiebefrachteten Streit um die Gemeinschaftsschule! Wir reden nicht über äußere Organisationsformen, sondern über Inhalte. So einfach, meine ich, ist es nun auch wieder nicht. Wer dem Streit um die beste Schulstruktur aus dem Weg gehen will, der kneift.

Wenn man sich erst einmal über die Grundzüge einer guten Schule im Klaren ist, muss als Nächstes geklärt werden, in welchen äußeren Strukturen eine gute Schule sich am besten entfalten kann. Kann sich eine gute Schule besser in einem gegliederten System entwickeln, wenn nach dem 4. Schuljahr eine Vorsortierung stattgefunden hat und die 10jährigen in drei Leistungsgruppen eingeteilt wurden? Verblöden die leistungsstarken Kinder in einem alles gleichmachenden Einheitsschulsystem? Oder eröffnet eine integrative Gemeinschaftsschule für alle 10- bis 16jährigen die besseren Chancen, die Fähigkeiten jedes einzelnen zu fördern?

Machen wir es uns nicht zu einfach! Die Gegner einer Gemeinschaftsschule verweisen mit Wonne auf Umfragen, die aufzeigen, dass Werte, die besonders dem längeren gemeinsamen Lernen zugeschrieben werden wie soziales Lernen, Schulzufriedenheit und Leistungsfähigkeit, gerade in Gegenden mit besonders vielen Gemeinschaftsschulen genauso wenig entwickelt sind wie anderswo. Geradezu ein Volltreffer gegen die Gemeinschaftsschule scheinen die Ergebnisse eines gerade veröffentlichten Schultests zu sein, eines erstmals durchgeführten Schul-Ländervergleichs, der auf Basis der bundesweit geltenden Bildungsstandards die Ergebnisse der Pisa-Studie fortschreibt. 41.000 Neuntklässler an 1500 Schulen absolvierten Tests in den Fächern Deutsch und Englisch.

Bayern und Baden-Württemberg, die beide keine Gesamt- oder Gemeinschaftsschulen haben, bilden laut der Studie die Spitzengruppe bei den Deutsch- und Englisch-Leistungen. Bremen, Berlin, Brandenburg und Hamburg haben im Fach Deutsch am schlechtesten abgeschnitten. In Englisch liegen außer Bremen auch Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern hinten.

Dafür haben Arbeiterkinder im Süden die geringsten Aussichten, auf ein Gymnasium zu kommen. In Bayern sind für sie die Chancen 6,6 Mal geringer als die eines Kindes wohlhabender Akademiker. Das ist bundesweit der schlechteste Wert. In Baden-Württemberg sind die Chancen kaum besser. In Berlin ist der Zugang zum Gymnasium zwar offener, dafür schlägt sich in der Hauptstadt die soziale Herkunft überdurchschnittlich stark in den fachlichen Leistungen der Schüler nieder.

Der Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Bayerns Bildungsminister Ludwig Spaenle (CSU), gestand nach der offiziellen Präsentation der Ergebnisse ein, die „Teilhabegerechtigkeit“ müsse noch verbessert werden. Spaenle verwies allerdings darauf, dass auch außerhalb des Gymnasiums die Hochschulreife erworben werden könne, etwa an den Fachoberschulen. Sehr viele Jugendliche würden diesen Weg gehen, ohne dass dies in der neuen Studie sichtbar werde.

Diese Studie macht vor allem eins klar: Ein einfaches „gut-schlecht“-Schema passt nicht. Gesamt-/Gemeinschaftsschule gut – Gymnasium, Realschule, Hauptschule schlecht. Das Ergebnis der Studie scheint eher den Umkehrschluss nahe zu legen. Dort wo eindeutig nur auf die dreigliedrige Schule gesetzt wird, sind auch die Ergebnisse besser. Aber auch das ist zu kurz gedacht. Die schlechten Ergebnisse für Arbeiterkinder in Bayern und Baden-Württemberg müssten dort die Euphorie etwas bremsen.

Es müssten vor allem die Gründe ermittelt werden, warum die norddeutschen Länder, die neben den gegliederten Schulen auch gemeinschaftsschulähnliche Systeme haben, so schlecht abschneiden. Liegt das an der Gemeinschaftsschule oder an anderen Gründen. Zum Beispiel an der großen Zahl von Kindern und Jugendlichen aus Familien, in denen Bildung und Schule keine so große Rolle spielen, oder aus Migrantenfamilien. Haben diese Länder die passenden inhaltliche Konzepte oder sind sie mehr auf Sparsamkeit bedacht?

Nun – ich bekenne mich als Verfechter einer Gemeinschaftsschule, wenn die inhaltlichen Konzepte und die Rahmenbedingungen stimmen. Machen wir’s den Schweden nach! Die schicken ihre Kinder und Jugendlichen auf die neunjährige Grundschule, erst dann wird entschieden, ob es in Richtung Hochschulreife oder Berufsausbildung weiter geht, wobei beide Bildungsgänge auch kombiniert werden können. Die endgültige Entscheidung, wofür ein Schüler geeignet ist, wird möglichst lange hinausgeschoben. Warum brauchen wir die Vorentscheidung bei den 10jährigen?

Umgekehrt bin ich aber auch der Meinung, man kann die Entscheidung den Eltern nicht einfach per Gesetz aufzwingen. Wer die Gemeinschaftsschule einführen will, der muss vor allem die Eltern, aber auch die Jugendlichen überzeugen, muss ihnen die Möglichkeit geben, die Entscheidung pro und contra zu beeinflussen. Allerdings am Ende des Diskussionsprozesses und einer möglichen Abstimmung müssen klare Entscheidungen stehen, die für alle gelten.